Windsurfer in Seenot

Der vierte November 2015 war der schrecklichste Surftag meiner bisherigen Zeit als Wassersportler. Nach zwei Wochen Surf-Abstinenz aufgrund von Windmangel und einer ruhigen Nacht im Van wachen wir, meine Freundin Franzi und ich, zu einem grauen, aber laut Vorhersage dennoch windigen Tag auf. Nach dem Frühstück und einer Stunde Wartezeit trifft die Regenfront, auf die ich wartete, mit Wind ein. Bei guten sechs Windstärken in Vila Nova de Milfontes ging es aufs Wasser. Das Surfrevier besteht aus einer Flussmündung und Atlantikküste abwechselnd gespickt mit Sandstränden und dem gelegentlichen Felsriff, wie im Foto zu erkennen. Es hieß Aufriggen, vor lauter Vorfreude nicht gleich in die Hose machen und ab geht’s. Zwei Stunden Spaß waren vorhergesagt bei circa 1,5-2,5m Welle. In der Flussmündung brachen keine Wellen und somit eignete sich diese perfekt als Channel raus ins Meer. Ich kreuzte zum anderen Ufer des Flusses und dümpelte hart am Wind raus auf das Meer, da ich durch Steilklippen etwas im Windschatten in der Flussmündung war.

milfontes
Die gestrichelten Linien geben den Weg an, den ich mit surfend zurück gelegt habe. Nördlich vor dem Stern ist das Felsenriff zu erkennen, vor dem die größten Wellen brachen. Als ich ungefähr die Position vom Stern erreicht hatte war der Wind plötzlich weg und da ich mit Sinkerbrett unterwegs war hieß es erstmal baden. Kurz überlegt und dann rausgeschwommen, da ich dachte ich komme so hinter die Abdeckung durch die Steilklippe und somit dorthin, wo der Wind für einen Wasserstart reicht. Die durchgezogenen Striche stellen in etwa meine Schwimmstrecke dar. Ich schwamm mit meinem Zeug zehn Minuten Richtung offenes Meer und versuchte wiederholt, aufs Brett zu kommen. Die Strömung trieb mich langsam aber sicher vor das Felsenriff, von dem ich gute 200-300m entfernt war und mich zu der Zeit noch sicher fühlte. Der Wind jedoch wollte einfach nicht zunehmen. Das erste Kreuz auf dem Foto markiert die Stelle, wo ich dann das erste Mal von zwei Meter gebrochener Welle erwischt wurde. Ich versuchte, mit aller Kraft Segel und Board festzuhalten, allerdings hatte ich keine Chance. Mein Material wurde mir entrissen und viele Meter Richtung Felsen gespült. Das war der Moment, als erste Unsicherheit und Panik sich in mir ausbreite. Beim Schwimmen Richtung offenes Meer habe ich immer wieder mein Blick Richtung Felsriff gerichtet und nun war klar, das dieses schnell näher kommen würde. Ich sprintete meinem Material hinterher. Als ich es erreicht hatte waren noch vielleicht 150m zum Riff und einem unschönen Ende für mich und mein Material übrig. Am zweiten Kreuz im Foto, als ich endgültig Angst bekommen hatte, entschloss ich mich mein Segel vom Brett zu trennen, um heil aus der Situation heraus zu kommen.
Meine Freundin, die ich gebeten hatte mit der Kamera zu filmen und die nun am Kreisel vom Leuchtturm stand, von dem man aus 25m Höhe Überblick über das Revier hatte, kam zu dem Zeitpunkt vom Auto ans Meer. Sie sah mich nicht, aber es waren zwei andere Kiter am Kreisel, die mich beobachtet hatten und ihr sagten ich hätte Schwierigkeiten. Sie entdeckt mich kurze Zeit später, als ich das erste Mal in meinem Leben Seenot signalisierte.
Das Segel aufgegeben konnte ich wesentlich schneller und einfacher weiter mit der Strömung paddeln, um an den Felsen vorbei an Land zu kommen. Jedoch wurde ich von einer weiteren großen Welle überrumpelt, die mich von meinem Brett trennte. Jetzt kam wirklich Panik auf, zu der Zeit schwamm ich 20 Minuten und langsam lies die Kraft nach. Das Brett wurde weitere 50m Richtung Felsen gespült, zu meinem Glück jedoch konnte ich ein weiteres Mal hinterhersprinten und es einholen. Ich war heilfroh, den schwimmend ans Ufer zu kommen wäre wesentlich anstrengender gewesen. Ich signalisierte nochmals Seenot, woraufhin meine Freundin Portugiesen bat, den Notruf zu wählen. Zu meinem Glück war ich jetzt schon beinahe am Felsen vorbei und paddelte mit letzter Kraft in die Öffnung des Riffs, die zum rettenden Strand führte. Auf dem Weg Richtung Land erwischte mich eine weitere große Welle, doch diesmal konnte ich mich am Brett festhalten und wie mit einem Bodyboard wurde ich in Richtung Strand gespült, was mir einiges an Paddeln ersparte. Das war der Zeitpunkt, an dem ich wusste, das alles gut wird. Nach guten 30 Minuten war ich am Strand und vorerst heilfroh, lebend und unverletzt an Land zu sein. Meine Freundin erwartete mich freudig, der Notruf wurde widerrufen und ich fing langsam an, mich über mein verlorenes Rig zu ärgern. Nicht nur waren damit mein Ersatzmast (der Erste brach schon vorher), mein Segel und der Gabelbaum für den Urlaub weg, sondern auch meine geliebte Gopro inklusive Masthalterung. Aber mein Unversehrtheit war es mir doch wert.
Am gleichen Tag machten wir noch anstalten, mein Rig wieder zu finden. Die Polizei hatten wir informiert, die maritime Polizei war leider nicht auffindbar und kein Fischer wollte bei dem Wellengang aufs Meer. Also gaben wir abends erschöpft auf, nachdem wir noch Flyer aufgehängt hatten. Da das Wetter besser geworden war, entschieden wir uns Milfontes schnell hinter uns zu lassen und mit dem Ganzen abzuschließen.
Der nächste Morgen, 50 Kilometer südlich von Milfontes, und siehe da, das Handy meiner Freundin klingelt. Deutsche Touristen erzählen uns durch das Rauschen der Verbindung, wie sie mein Segel vor einem Strandabschnitt bei Milfontes gesehen haben wollen. Also alles schnell ins Auto geworfen und zurückdüsen, so der Plan. Die Nacht hatten wir an einem recht steilen Hang verbracht – als Folge sprang das Auto nicht an. Die Hektik war einmalig im Urlaub, letztendlich hat uns ein Fischer auf eine ebene Stelle geschleppt, wo dann wieder Treibstoff zum Motor fließen konnte. Wir rasten zurück, leider fanden wir das Rig nicht wieder, obwohl uns der genaue Ort gezeigt wurde. Es war mit der einsetzenden Ebbe wieder auf das Meer getrieben. Wir blieben bis zum nächsten Tag und der Flut bei Tageslicht, jedoch ließ sich nach mehrstündigem Suchen mein Segel nicht blicken. Ich sprach noch kurz mit einer Einwohnerin des Ortes, welche mir später noch öfter schrieb und versprach sich nach meinem Segel umzuschauen. Wir setzten unseren Urlaub fort und ich gab die Hoffnung auf, mein Segel je wieder zu sehen. Zwei Wochen später sichtete die in Portugal lebende Schweizerin mein Segel und schickte mir Fotos, jedoch fand sie keinen, der es aus dem Wasser holte. Zu der Zeit waren wir bereits in Valencia auf dem Heimweg, den Umweg nach Milfontes haben wir uns gespart.

Wir schreiben den 2.Dezember, fast 4 Wochen später sind Manu und ich in Milfontes.
Wir haben den Auftrag Ausschau nach dem Segel zu halten.
Um Ehrlich zu sein, ich habe keine Hoffnung!Wir  gehen also zum Strand und versuchen uns an Hand der Beschreibung von Michi zu Orientieren.
Und siehe da, genau an dem Punkt wo wir stehen, ragt etwas Grünes aus dem Wasser.
Völlig Euphorisiert das wir wirklich so ein Glück haben könnten, laufen wir zum Grünen zurück und holen unser SUP.
Manu der mit seinen Neoschuhe und einer Safetyleash bewaffnet ist, paddelt raus zu dem was wir meinen das es das Segel wäre.
Und tatsächlich.
Wir können nun unserem Freund Michi, sein Segel nach Hause bringen.

manu und segel
Viel ist leider nicht mehr übrig aber der Mast und und die Mastverlängerung sind tatsächlich noch in einem guten Zustand.
Es braucht halt manchmal Glück im Unglück!

Vorher
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Nachher
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